Woran glauben Ostdeutsche?

(HAD) Das Thema des geplanten Buches Woran glaubt, wer nicht glaubt? ist nicht neu, aber der Aspekt ist neu und aktuell, den die bekannte Autorin Dr. Rita Kuczynski im Auge hat. Es geht um die Spezies der konfessionsfreien Ostdeutschen. Dazu sucht sie Interviewpartner/innen. Diese sollten beim Mauerfall mindestens 16 Jahre alt gewesen sein und in der DDR gelebt haben. In den Gesprächen mit den Probanden geht es um Differenzen bzw. Kontinuitäten weltanschaulicher Gewissheiten nach zwanzig Jahren deutscher Einheit. Dazu nähere Informationen und ein Interview.
Rita Kuczynski wurde 1944 geboren, wuchs in Berlin Ost und West auf, studierte Musik (Piano und Orgel) in Berlin und Leningrad (Meisterschülerin im Fach Klavier). Danach studierte sie Philosophie in Leipzig und Berlin (Humboldt-Universität). Sie promovierte 1976 zum Dr. phil. mit einer Arbeit zu Hegels Wissenschaft der Logik und wurde wissenschaftliche Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften in der DDR. 1981 stieg sie aus Protest aus der DDR-Wissenschaft aus, war dann zunächst Hausfrau, später freie Schriftstellerin und vor der „Wende“ u.a. Gastprofessorin in den USA. 2002 erhielt sie den Literaturpreis der Zeitung China-Time (Taiwan).

Bekannte und mehrfach übersetzte Romane sind Nächte mit Hegel (1984), Wenn ich kein Vogel wär (1991; verfilmt unter dem Titel Zwischen Pankow und Zehlendorf; Regie: Horst Seemann), Mauerblume (1999) Die gefundene Frau (2001). In diesem Jahr erschien Im Kreis. Über ihre Sachbücher gab es oft heftigen Streit: DDR – Ende mit Wende (mit Stefan Moses und Harald Eggebrecht, 1999), Die Rache der Ostdeutschen (2002), Im Westen was Neues – Ostdeutsche auf dem Weg in die Normalität (2003) und Ostdeutschland war nie etwas Natürliches (2005).

Horst Groschopp führte mit der Autorin das folgende Interview:

Wie sind Sie auf das Projekt gekommen?
Rita Kuczynski: Mein Interesse an der Frage „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“ entstand erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989. Es entstand nicht, weil ich bis dahin an die Heilsgeschichte des Sozialismus glaubte und mit dem Untergang des Realsozialismus in eine Sinn- und Glaubenskrise fiel. Nein, die Frage, woran glaubt, wer nicht glaubt, ist für mich verbunden mit der deutschen Einheit. Sie kam nach und nach auf mich zu.

Könnten Sie das genauer erklären?
Rita Kuczynski: Es begann damit, dass sich auf meiner ersten Gehaltsabrechnung im „Westen“ eine Rubrik befand, die da hieß „Kirchensteuer“. Das fand ich merkwürdig. Aber ich hatte damals zu viel anderes um die Ohren und keine Neugier dieser Merkwürdigkeit nachzugehen. Aber irgendwie mischte sich die Institution Kirche immer wieder in meine Angelegenheiten. Beispielsweise bei der leidigen Diskussion um den Ladenschluss und den Sonntagsverkauf.
Dabei erfuhr ich, dass die Feiertagsregelung im Grundgesetz festgeschrieben war. Und: Ich lernte, dass der Sonntag ein geschützter Feiertag war und der seelischen Erhebung zu dienen habe. Ich begriff auch, dass ich eigentlich schon seit der Einheit Deutschlands 1989 im Widerspruch zum Grundgesetz lebte.

Warum?
Rita Kuczynski: Weil ich immer mit jüdischen Partnern lebte und lebe und die erheben sich gesetzlich ungeschützt und feierlich am Sonnabend. Diesen Widerspruch konnte ich aushalten. Nicht auszuhalten war auf Dauer aber, dass in den Medien und in der Öffentlichkeit „Glauben“ ausschließlich im religiösen Kontext gebraucht wurde. Da ich mich daher des Öfteren zu verteidigen hatte, dass auch ich „glaubte“, nur eben nicht an einem über allem stehenden, lenkenden Gott, und dass ich dennoch moralisch verantwortlich handle.
Als ich dann in einer konfessionellen Veranstaltungsserie wiederholt den Ausdruck „atheistisches Prekariat Ostdeutschlands“ hörte, fand ich, nun reicht es. Ich begann der Sache nachzugehen und beschloss, konfessionsfreie Ostdeutsche zu fragen, woran sie denn glauben, wenn sie nicht an Gott glauben.

Was wollen Sie herausfinden?
Rita Kuczynski: Da für die Mehrheit der Ostdeutschen Gott und Kirche auch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall keine Bedeutung haben, möchte ich erfahren, woran sie ihr Handeln orientieren. Das heißt, welche Werte-Einstellungen sind ihnen persönlich wichtig? Was tröstet sie in schwierigen Lebenssituationen. Was sind für sie unantastbare Werte. Welchen Sinn hat ihr Leben, da sie ans „ewige Leben“ nicht glauben. Wie und wo möchten sie bestattet werden? Um nur einige dieser Fragen zu nennen.
Außerdem möchte ich herausfinden, an was diejenigen Ostdeutsche, die zu DDR-Zeiten an den Kommunismus glaubten, heute glauben. Schließlich galt er vielen als Ziel ihres Leben, für das es zu sterben sich lohnte. Ist ihr Glaube, dessen Ausübung viel an Spiritualität und Ritualen festgemacht wurde, heute verloren gegangen? Oder lebt er fort als Glaube an eine Zukunft im Irgendwann?

Warum wollen Sie nur Ostdeutsche befragen?
Rita Kuczynski: Dadurch, dass die ostdeutschen Konfessionsfreien nicht von irgendeinem kirchlich geprägten Glauben abgefallen sind, sind sie als „soziologische Gruppe“ besonders interessant. Sie glaubten meist nie an Gott und Kirche und dennoch glaubten und glauben sie.
Fiona Lorenz hat in ihrem jüngst erschienenen Buch Wozu brauche ich einen Gott vornehmlich Menschen interviewt, die irgendwann von Gott und Kirche sozusagen abgefallen sind. Diese haben einen emotional schwierigen Prozess der Loslösung von religiösen Bindungen hinter sich. Dieser Umstand trifft auf die Mehrheit der konfessionsfreien Ostdeutschen nicht zu. Für die Generation der Ostdeutschen, die um 1965 Geborenen, galt der oft zitierte Halbsatz von Hegel: Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.

Das bedeutet?
Rita Kuczynski: Ihr Leben hatte andere Parameter. Sie brauchten keinen Gott für ihr Leben. Erst nach 1989 wurden sie mit dieser Problematik konfrontiert. Und: Sie haben im Widerspruch zu den Erwartungen vieler demoskopischer Institute nicht zu „Gott und Kirche“ gefunden. Von einer Rückkehr zur Religion kann in den neuen Bundesländern also nicht die Rede sein. Dieser Umstand trifft im ehemaligen Ostblock nur noch auf Estland zu.
Sie selbst, Herr Groschopp, haben sich in Publikationen wiederholt geäußert über den sogenannten „Volksatheismus“ als eine Antwort auf die Frage, was von der DDR kulturell geblieben ist und haben einige Gründe dargelegt, warum alle Missionsversuche bisher gescheitert sind.

Schließen Sie auch die Ostdeutschen ein, die nach Westdeutschland gegangen sind?
Rita Kuczynski: Ich schließe sie nicht aus. Aber augenblicklich weiß ich noch nicht, wie sie von meinem Vorhaben erfahren können. Es wäre wirklich interessant zu sehen, ob und wenn ja, welche Differenzen entstanden sind zwischen den Fortgegangenen und den Gebliebenen. Es wäre daher großartig, wenn ich ostdeutsche Interviewpartner, die in die alten Bundesländer gegangen sind, für mein Projekt begeistern könnte. Schließlich gab es nach vierzig Jahren Sozialismus in der dritten Generation eine beinahe homogene Sozialisierung in der DDR.
Fast alle hatten den gleichen Schulabschluss, den gleichen Zugang zu Kultur, die Einkommensdifferenzen waren minimal – mit Ausnahme der Führungsschicht. Die sozialen Unterschiede waren gering.  Welche Glaubensinhalte sind bis heute geblieben, welche sind aufgrund der „westdeutschen“ Umgebung zwanzig Jahre andere geworden?

In welcher Beziehung steht das Projekt zu anderen Büchern von Ihnen?
Rita Kuczynski: Nach zehn Jahren deutsche Einheit hatte ich 2002 und 2003 Ostdeutsche nach ihren Erfahrungen, Wünschen und ihr Befinden in der neuen Bundesrepublik gefragt und Antworten publiziert. Danach wollte ich wissen, was Deutschlandkenner aus Ost- und Westeuropa 15 Jahre nach der deutschen Einheit über diese Einheit denken. Hier ging es darum, dass ihnen Ostdeutschland nie etwas „Natürliches“ war. Es gibt also eine gewisse Kontinuität in meinem Interesse aufzuzeigen, wie sich ehemalige DDR-Bürger in der neuen Bundesrepublik anpassten und in welchen Punkten sie ihre Eigenständigkeit bewahrten.
Es wäre daher großartig, wenn ich für mein neues Buch Woran glaubt, wer nicht glaubt? viele auskunftsfreudige Gesprächspartner/ -innen fände, die in der DDR sozialisiert wurden und keiner Konfession angehörten.


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