Laizistischer Balkanstaat
Shpresa Musaj hat Albaniens Religiosität untersucht, ein in Deutschland entweder unbekanntes Land oder eines, über das fast nur Klischeewissen kursiert: Blutrache, tanzende Derwische, stalinistische Diktatur, Albaner-Mafia oder Mutter Theresa. Das gilt auch für die Religionsverhältnisse, denn Albanien ist nicht nur ein laizistischer Staat, sondern einer mit langen historischen Wurzeln für die noch heute spürbare zwischenkirchliche und interreligiöse Toleranz der vier großen Religionsgemeinschaften.
Siegfried R. Krebs hat das Buch für „humanismus aktuell” umfänglich rezensiert. Die Autorin studierte von 1988 bis 1992 an der Universität Tirana Sprach- und Literaturwissenschaften, emigrierte angesichts der politischen Wirren in ihrer Heimat nach Österreich, lebt seither in Wien, wo sie aktuell als Dolmetscherin für verschiedene Institutionen und Organisationen arbeitet, darunter für das Bundesasylamt.
Die Autorin zeigt eine Religionsgeschichte, die stets als Trikont-Staat eingebunden ist in die Schlüsselereignisse der Weltgeschichte in dieser Region. Dies hat zum Primat des Ethnischen vor dem Religiösen geführt. Die religiöse Toleranz beruhe letztlich auf einem sehr alten – einem heidnischen – Substrat. Daher hätten auch uralte heidnische Vorstellungen (auch im hierzulande meist missverstandenen „Kanun“, dem Gewohnheitsrecht der Albaner) überdauert und seien stets neben den offiziellen Bekenntnissen praktiziert worden, bis in die Gegenwart hinein.
In bundesdeutschen Statistiken stünden stereotyp Angaben zu den religiösen Verhältnissen im heutigen Albanien (70% Muslime, 20% Orthodoxe und 10% Katholiken), die kein wirkliches Bild der Lage und gelebten Überzeugungen geben können. Es finde z. B. in den albanischen Schulen auch heute noch kein Religionsunterricht statt, und infolgedessen werde die junge Generation nicht religiös erzogen. Sie wachse in einer Umgebung auf, in der alle drei Religionen in Harmonie miteinander leben sollen. Shpresa Musaj stellt die Verfassung der „laizistischen Republik” vor.
Die Autorin beschreibt die Anfänge des Christentums in den heutigen albanischen Territorien. Zwei Päpste seien aus den albanischen Landen gekommen: Eleutherios (177-193) und Innozenz (401-417). Stets waren die albanischen Territorien im ost-westlichen Spannungsfeld. Autorin beschreibt Widerstand, Kooperation, Emigration und Konversion gegenüber dem türkischen Sultanat. Über dreißig Albaner seien Großwesire gewesen.
Ein großes Manko der Studie sei das Fehlen eines Kapitels über die Zeit zwischen 1912 und 1944, als Albanien erstmalig als unabhängiger Staat in die Völkergemeinschaft eintrat, auch wenn große Teile der albanischen Territorien aufgrund des Diktats der Großmächte anderen Staaten angeschlossen wurden. Das Urteil über die Zeit der kommunistischen Diktatur sei zu pauschalisierend.
Obwohl dieses sehr spezifische Buch sich aufgrund seiner Thematik eher an einen kleinen Leserkreis wende, sollte es doch – so der Rezensent – von der deutschen säkularen Szene zur Kenntnis genommen werden. Denn es biete quellengestützte Erkenntnisse zu einem unbekannten Laizismus in Europa.
Shpresa Musaj: Albaniens Religiosität. Konstante im Wandel der Zeiten. Zwischenkirchliche und interreligiöse Toleranz auf dem Balkan. Marburg: Tectum Verlag 2011, 246 S. (Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe Geschichtswissenschaft, Bd. 18), 29,90 €, ISBN 978-3-8288-2693-9
Claudia Buchmann


