Konservativer Humanismus
Die Humanismusforschung im westdeutschen Nachkriegsdeutschland ist folgenschwer von einem Forscher geprägt worden, der schon im Nationalsozialismus von großem Einfluss war als ein Schüler Heideggers und jemand, der Humanismus ohne menschenrechtliche Bezüge, streng antikebezogen präsentierte. Diesen Wissenschaftler, Ernesto Grassi, stellt Thomas Heinrichs in einer längeren Rezension des bereits 2010 in zweiter Auflage erschienenen Buches von Wilhelm Büttemeyer vor, das den Untertitel trägt: „Humanismus zwischen Faschismus und Nationalsozialismus“.
Ernesto Grassi war in Deutschland nach 1945 eine der führenden Figuren des konservativen Humanismus. Grassi hat kein eigenes philosophisches Konzept eines Humanismus entwickelt. Er beschäftigt sich ungefähr seit 1933 mit dem Humanismus. Humanismus ist für ihn im klassisch bildungsbürgerlichen Sinne die positive Rezeption der griechischen und römischen Antike, bei der Philosophie, Kunst und Wissenschaft gleichberechtigt als Formen der Wirklichkeitswahrnehmung neben einander stehen.
Grassi sei es gelungen, nach 1948 in Deutschland so einflussreich zu werden, weil er sich selbst als einen aus der Schweiz kommenden Emigranten ausgab, der im Faschismus politische Schwierigkeiten gehabt hatte. Es habe auch keinen Bruch Grassis mit Heidegger gegeben. Vielmehr verhilft Grassi Heidegger nach 1947 zu der Möglichkeit, seinen „Brief über den Humanismus“, in einer von Grassi herausgegebenen Reihe zusammen mit einem Neudruck des Aufsatzes „Platons Lehre von der Wahrheit“, zu publizieren. Die Rezension geht umfänglich auf Grassis Werdegang in Italien ein.
1948 habe Grassi sein Ziel erreicht. Auf seine Initiative hin sei – nach einer privaten Einladung des bayrischen Erziehungsministers Alois Hundhammer nach Rom durch den Leiter des von den Faschisten errichteten und unverändert nach 1945 fortbestehenden „Istituto di Studi Filosofici“, Graf Enrico Castelli, eines sehr guten Freundes Grassis – an der Maximilians-Universität in München das „Centro Italiano di Studi Umanistici e Filosofici“ gegründet wurden mit Grassi als Direktor.
Auch in diesem Amt habe Grassi kein positives Verhältnis zur Demokratie und zur modernen demokratischen Kultur entwickelt. Dass ein solcher Mann durch seine Herausgebertätigkeit den Lektürekanon und die Rezeptionsmuster großer Teile der an der Philosophie der Antike und der Renaissance interessierten Nachkriegsgeneration geprägt habe, könne man nur als katastrophal, für die Nachkriegsgeschichte der BRD aber als nicht untypisch bezeichnen.
Der Autor des Buches Dr. Wilhelm Büttemeyer ist apl. Prof. für Philosophie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, ausländisches korrespondierendes Mitglied der Galilei-Akademie der Wissenschaften in Padua, Gastdozent in Mailand und Rostock, Mitbegründer und seit 1994 Vorsitzender der „Filosofia Italiana-Stiftung“. Arbeitsschwerpunkte: Geschichte der neueren italienischen Philosophie, Wissenschaftstheorie, Philosophie der Mathematik.
Wilhelm Büttemeyer: Ernesto Grassi. Humanismus zwischen Faschismus und Nationalsozialismus. 2. Aufl., Freiburg 2010, 448 S., 29,00 €, ISBN: 978-3-495-48321-3
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Claudia Buchmann


