Himmel, Hölle und Biologie
(HAD) Soeben ist das Brevier „Wer zur Hölle will schon in den Himmel?“ von Edgar Dahl erschienen. Es wird hier weniger vorgestellt wegen dessen Unterhaltsamkeit, sondern wegen des Schusses Essig, den das Essay am Ende des Büchleins in den süßen Wein der Vorurteile über Religionen gießt.
Dr. Edgar Dahl ist Philosoph und am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der Münster tätig und besonders als Bioethiker hervorgetreten. Seine nun vorliegende, alphabetisch geordnete Sammlung von Aphorismen will bekräftigen, dass hinsichtlich der Hölle kein Grund zur Sorge ist. Der Autor bringt genügend Beispiele, warum große Geister meinten, in der Hölle sei man in weit besserer Gesellschaft als im Himmel bzw. die Erde sei schon Hölle genug usw. Er zitiert die Höllenbewohner Sokrates, Platon, Aristoteles, Holbach, Hume, Schopenhauer, Voltaire, Goethe, und Byron, Mozart, Beethoven, Darwin, Freud, Einstein und andere – und eine besondere Scharfsinnigkeit stellt sich ein, wenn Komiker in den Zeugenstand gerufen werden.
Die Einleitung stellt die alten und neuen Gottesbeweise vor und widerlegt sie. Was da geschrieben steht, ist weitgehend bekannt.
Interessant sind die biographischen Details eines in der DDR sozialisierten, aber „bürgerlich“ denkenden Atheisten, der Theologie studiert, um nicht Marxist werden zu wollen, und der aus der DDR flüchtet und dennoch diese rückblickend nicht angreift hinsichtlich ihrer nichtreligiösen Kultur. Kirchenfreundlich ist Dahl für wahr nicht.
„Nachwort“ heißt etwas verkappt der Schlussteil. Hier widmet sich der Autor der naturalistischen Frage, ob man, da es überall auf der Welt Religionen gibt, nicht nach „biologischen Antworten“ zur Erklärung dieser Tatsache suchen müsste. Das sei man der Evolutionstheorie und der Debatte darüber schuldig. Dahl entwickelt eine Dialektik von Adaption (direktes Produkt der natürlichen Selektion) und Exaption (indirektes Produkt der natürlichen Selektion). Diese Dialektik wendet Dahl dann thesenhaft auf einige natürliche Phänomene an, um schließlich zu fragen, ob Religion ein Nebenprodukt der Evolution sei und wenn ja, ein Nebenprodukt wovon und was angeboren sei und was nicht? Wenn, wie der Autor schreibt, Menschen finales und teleologisches Denken ebenso angeboren ist wie animistisches und dualistisches Denken, dann haben – so meint der Rezensent – berufene Atheisten ein Problem, das wohl nicht, wie Dahl wohl meint, durch mehr Wissenschaft zu durchschauen und zu lösen wäre. Wenn man religiöse Vorstellungen „abstreift“ und die vier Naturbedingungen weiter gelten, was tritt dann an Stelle der jeweiligen Religion? Humanismus als Kultur? Oder ist einfach der traditionelle Religionsbegriff zu eng, wie jeder erkennen konnte, als in den letzten Wochen Fußball wie eine Religion funktionierte, nein, sie war eine Teilkultur.
Edgar Dahl: Wer zur Hölle will schon in den Himmel? Ein Brevier für Ungläubige und solche, die es werden wollen.
Norderstedt: Books on Demand 2010
ISBN 978-3-8391-5641-4, Paperback, 156 Seiten, 9,80 €
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Horst Groschopp

