Freidenkergeschichten
Wie ist es zu den ersten Konfessionsfreienbewegungen gekommen? Welche Organisationen standen am Anfang? Was wollten und erreichten sie? Lässt sich daraus etwas für das Heute lernen? Ende 2011 erschien in 2. (verbesserter) das erstmals 1997 erschienene Buch von Horst Groschopp „Dissidenten“. Derzeit liegen zwei Rezensionen und ein Interview vor. Alle Texte stellen aktuelle Bezüge her.
Die erste Vorstellung des Buches schrieb Arik Platzek Mitte November für den Humanistischen Pressedienst (hpd).
Er schreibt: „Nur eine Randnotiz, aber trotzdem bemerkenswert, ist schließlich auch die nüchterne Einordnung, die der Autor am Ende den heute wieder entstandenen Vereinigungen ‘weltlicher Humanisten und Freidenker’ als Teil einer modernen ‘unbestimmten und buntscheckigen Soziokultur’, und der für sie möglichen Rolle, zukommen lässt. ... Nützlich bei der Schaffung von echten Perspektiven, die eine Überwindung der von Konfessionsfreien beklagten Dominanz von Kirche und Religion mit dem Ziel einer säkularen und humanistischen Realität leisten könnte, dürfte aber in jedem Fall die vertiefte und nun wieder erhältliche Auskunft darüber sein, in welchen historischen Kontext und welche Tradition Organisationen konfessionsfreier oder säkularer Menschen von weltanschaulichen oder politischen Kontrahenten heute eingeordnet werden können; sofern sie es nicht selbst tun oder bereits eingeordnet sind.“
Die Internetausgabe von „diesseits“ veröffentlichte am 28. November ein Interview mit dem Autor, das Michael Geiger führte. Gleich in der Anmoderation wird die Ansicht des Autors hervorgehoben: „Ich mache darauf aufmerksam, dass das Konzept des HVD zwar auch aus der Dissidenten-Geschichte heraus gesehen stimmig ist, aber seine Zukunft davon abhängt, ob das jemand macht und möchte, Leute bewegt, dem Laden beizutreten und damit durchaus auch berufliche Zukunft verbindet. Das halte ich noch nicht für entschieden. Gründe zur Euphorie gibt es keine.“
Eine weitere Antwort lautet: „Es war wohl wie heute: Selbstüberschätzung in jeder Hinsicht. Was sich säkular durchsetzte, schrieben sie auf ihre Fahnen, doch war vieles davon ein Produkt der Moderne. ... Funktionäre waren im Großen und Ganzen unfähig einzusehen, was das Volk am Glauben und an den Kulten hat, und dass da Aufklärung noch keinen Ersatz schafft. Auf heute bezogen: Humanistische Bewegungen, die nicht über Volkshumanismus nachdenken und nicht ahnen, wie humanistisch die Leute sind, denen sie gegenüber treten und sie deshalb verprellen mit Vorwürfen des ‘Humanismus light’ – wie und warum sollen die, die schon konfessionsfrei sind, zu unseren Lichtvereinen finden?“
Soeben veröffentlichte die Online-Zeitschrift „humanismus aktuell“ eine Rezension des Buches, verfasst vom guten Beobachter und kirchlichen Kritiker der „säkularen Szene“ Andreas Fincke.
Er hebt hervor, dass in dieser bunten Szene „bisweilen disparate Positionen vertreten werden. Was sie eint, ist zumeist die Kritik an den Religionen – was sie trennt ist oftmals die Frage, welche Konsequenzen aus dieser Kritik zu ziehen sind.“ Auf diesem Hintergrund gewinne das Buch von Groschopp seine Bedeutung. Der Verfasser sei einerseits selbst Teil der Szene, andererseits sei er einer der wenigen, die sich um eine theoretische Grundlage des Humanismus bemühen würden.
„Genau darin besteht die Stärke und in gewisser Weise eine Schwäche der vorliegenden Untersuchung. Die Schwäche besteht darin, dass der Verfasser bisweilen den bei wissenschaftlichen Publikationen üblichen Abstand zum Thema vermissen lässt. Das gilt z. B. für einige Passagen im Vorwort, manche eher beiläufige Anmerkung und mancherlei Aussagen zu den DDR-Freidenkern. (vgl. S. 496)
Andererseits verleiht seine besondere Kenntnis der Szene vielen Bemerkungen großes Gewicht. So schreibt er z.B. über die heutigen Rudimente der Freidenkerbewegung, sie sei ‘sektenhaft zerstritten’ und käme ‘oftmals weniger tolerant untereinander aus als ihre Vorgänger’. (vgl. S. 497) An anderer Stelle schreibt er über die weltlichen Humanisten unserer Tage, sie ‘haben keine großen Kulturprovokateure in ihren Reihen, mit denen sie auf sich aufmerksam machen’ (S. 498) und erklärt so das bescheidene Medienecho.“
Claudia Buchmann
Das Buch kann hier bestellt werden.
Horst Groschopp: Dissidenten. Freidenker und Kultur in Deutschland, 2., verbesserte Auflage. Marburg: Tectum Verlag 2011, 525 S., 34.90 €, ISBN 978-3-8288-2771-4


