Dialog – worüber?
Heft 216 der von der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (EZW) herausgegebenen EZW-Texte ist eine schwierig zu bewertende Offerte. Die kirchlich-theologische Einrichtung bietet an: „Dialog und Auseinandersetzung mit Atheisten und Humanisten“ bei festen eigenen Positionen. “Humanismus aktuell” bringt eine Rezension von Siegfried R. Krebs, die gerade diese Haltung überaus kritisch betrachtet. Es könnte weitere geben.
Es ist diese Broschüre nicht die erste Beobachtung des organisierten Humanismus. Zuvor erschienen die Bände 162 (Andreas Fincke, 2002) über „Freidenker – Freigeister – Freireligiöse” und 176 (Andreas Ficke, 2004) über „Woran glaubt, wer nicht glaubt?” Schon die unterschiedliche Titelei verdeutlicht, was der nun vorliegende Text ausdrückt und wörtlich sagt: Die evangelische Kirche – und nur diese ist angesprochen, sieht man von der illustren Leserschaft unter den katholischen Weltanschauungsbeauftragten einmal ab – tut gut daran, sich weiter mit dem Atheismus zu beschäftigen, vielleicht sogar mehr als bisher, aber sie sollte den Schwerpunkt ändern und ihren Blick stärker auf den Humanistischen Verband richten, besonders auf die weltanschauliche praktische Arbeit, die mit dessen (noch bescheidenen) sozialen und bildungspolitischen Angeboten verbunden ist. Die Broschüre schlägt also nichts Geringeres vor als einen Perspektivenwechel.
Genau dies macht ein Urteil über diese Broschüre schwierig und man könnte mit dem Rezensenten erst einmal eine Grenze setzen: „Die EZW nimmt für sich in Anspruch, ‘Orientierung zu geben’. Das dies nicht aus wissenschaftlich-objektiver Warte erfolgt, ergibt sich aus dem Zweck dieser Einrichtung, der da lautet: ‘Sie hat den Auftrag, diese Zeitströmungen zu beobachten und zu beurteilen.‘ Natürlich nur aus der Sicht des Auftraggebers.”
Wer sich, dies akzeptierend, auf einen Dialog mit dem beobachtenden Bodenperspersonal Gottes einlässt, die da falsch und richtig, wir und die andren definieren, geriet und gerät bei den „eigen Leut’”, besonders den ganz klar Wissenden, weil gar nicht mehr Glaubenden, rasch in den Ruf der Familienschande.
Genau: Über Glauben lässt sich nicht streiten, sagt schon der Volksmund; und von Max Weber ist der schöne Satz, dass den einen ihr Heiliges so wertvoll ist wie den andren das ihre, woraus er ableitete, dass die Frage nach dem Glauben keine ist, in der Wissenschaft entscheidet. Dass hier jemand von einem Gott ausgeht und jemand anderes dies seltsam findet – dies führt ebenso zu keinem Dialog wie die unnützige Debatte über Wissen und Glauben, seitdem wir gelernt haben, dass man Letzteres auch „Kultur” nennen kann.
Also Dialog worüber? Machen wir es an der Broschüre fest. Da haben sich kluge Menschen über längere Zeit, was sie nicht hätten tun müssen, mit dem Humanismus allgemein und dem mitunter sperrigen Gegenstand HVD beschäftigt. Da sucht man erst einmal Vergleichsliteratur in der eigenen Szene – ziemlich vergeblich, bescheiden wie man so ist. Dann stellt man wieder hier und da verblüfft fest, das ist aber ganz unwichtig für uns heute, was der Autor / die Autorin da an dieser Stelle gefunden und so und so beurteilt hat ... tja, was es alles so gibt und gab, was alles so publiziert wurde. Da wäre also der erste Punkt eines Dialoges ein sachlicher, nämlich Anmerkungen zu sachlichen Aussagen.
Dann käme ein zweiter Punkt in Betracht, nämlich ob die Beobachtungen stimmen, weniger übereinstimmen mit dem Selbstbild, als vielmehr mit dem, was man sehen kann, wenn man denn auf etwas Fremdes schaut. Da kann man dann vergleichen, etwa mit Aussagen in den EZW-Texten 162 und 176, warum sich der Blick geändert hat oder ändern musste, wie die andren zu sehen sind, ob der Terminus Atheismus überhaupt hinreichend ist, das Beobachtete zu beschreiben – es ginge also ebenfalls um Sachliches, nur auf anderer Diskursebene.
Schließlich wird über einen dritten Punkt zu reden sein, die Auseinandersetzung. Da mag jeder von seinem Glauben aus den andren in seinen Grundfesten zu erschüttern versuchen. Darum geht es nicht, sondern um Politik und unterschiedliche Verbandsinteressen, die Kirche(n) hier mal als Verband und nicht als Heilsgemeinschaft genommen. Und da sollte der Dialog auch dann beibehalten werden, wenn Unvereinbares zur Sprache kommt, so nach dem Motto „Pro Reli” versus „Pro Ethik”. Nur wenn man gewillt ist, diesen Punkt auszuhalten, sollte der Dialog fortgeführt werden. Er beginnt ja nicht, die Humanistische Akademie pflegt ihn seit 1997. Ein Ergebnis davon ist, dass es in Diskursen um Probleme und Sichtweisen, nicht um Blockbildung geht.
Und da eine Offerte vorliegt, wird es doch vielleicht möglich sein, auch einen Ort und einen Termin zu finden.
Zum Anfüttern des Dialogs noch ein Zitat aus einem andren empfehlenswerten Buch, in dem übrigens S. 90 gesagt wird, dass der postreligiöse Humanismus des HVD „manchmal als ‘dritte Konfession’ bezeichnet wird”. – Hartmut Kreß: Ethik der Rechtsordnung. Staat, Grundrechte und Religionen im Licht der Rechtsethik. Stuttgart 2012, S. 55, Überschrift „Legitimität der Rechtsordnung durch kulturelle Sensibilität“: „Würde in Staat und Gesellschaft hingegen ein ethisch-rechtlicher Diskurs verstärkt, der dem lebens- und weltanschaulichen Pluralismus Genüge leistet, entspräche dies dem ‘historischen Klima’ der Gegenwartsepoche und käme dies dem heute ‘historisch Möglichen’ zugute.“
Horst Groschopp
Dialog und Auseinandersetzung mit Atheisten und Humanisten. Hrsg. von Reinhard Hempelmann. Berlin 2011, 120 S. (EZW-Texte, Bd. 216)
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